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Fahrenheit 451

Einen Klassiker zum ersten Mal zu lesen und das 65 Jahre nach Erscheinen seiner ersten deutschen Fassung, ist schon etwas Besonderes, denn selbst wenn ich ein Buch mehrfach lesen würde – was ich selten tue – wäre es später doch nie wieder so wie beim ersten Mal.

Bei „Fahrenheit 451“ kam noch ein weiterer Aspekt dazu, denn tatsächlich wurde Ray Bradburys Klassiker gerade von Peter Torberg neu übersetzt und ich konnte sowohl auf diese Neuübersetzung als auch auf die bislang einzige und 2008 zuletzt überarbeitete Übersetzung von Fritz Güttinger zurückgreifen.

Fahrenheit 451 von Ray Bradbury, übersetzt von Peter Torberg, Diogenes Verlag 2020

Ein Krieg droht, doch die Menschen werden kleingehalten durch Dauerberieslung und Entertainment, Wissen ist geächtet, Spaß ist alles, worauf es ankommt, der Besitz von Büchern steht unter Strafe. Für die Einhaltung dieser Restriktionen ist die Feuerwehr verantwortlich – in einer absurden Umkehr ihres Auftrags verbrennt sie Bücher und ganze Häuser, notfalls auch zusammen mit ihren Bewohnern. Als der Feuerwehrmann Guy Montag erst den Selbstmordversuch seiner Frau Mildred mit ansehen muss und gleich darauf bei einem Einsatz erlebt, wie sich eine alte Frau zusammen mit ihren Büchern verbrennen lässt, wird der Keim des Zweifels in ihm selbst zu einer lodernden Flamme. Er sucht einen alten Englischprofessor auf, den er im Widerstand vermutet, und gemeinsam schmieden sie einen Plan.

Zunächst hatte ich vor, die Bücher parallel zu lesen, doch tatsächlich gab ich nach 30 Seiten auf und wendete mich ganz der Neuübersetzung zu, die sich flüssiger lesen ließ, da ich weniger über altertümliche Formulierungen und Satzbauten stolperte. Das soll aber nicht heißen, dass die neue Übersetzung vokabulartechnisch ins 21. Jahrhundert geschubst wurde. Vielmehr wurden Sätze gefälliger zusammengefügt und ja, auch zum Teil anderes, aktuelleres Wortmaterial genutzt. Das hatte zur Folge, dass ich „Fahrenheit 451“ quasi in einem Rutsch las, atemlos einer fast 70 Jahre alten Dystopie aus den 1950er Jahren folgte, die mir dennoch in Teilen bedrückend aktuell erschien.

Im Anschluss las ich besondere Passagen wie das Gespräch Montags mit seiner Frau oder den Besuch Beattys in seinem Haus noch einmal parallel und konnte den lyrischen Formulierungen der alten Übersetzung viel abgewinnen. Ein Grund, weshalb ich nicht wirklich eine Übersetzung vorziehen würde.

In der ersten Übersetzung komme ich beispielsweise in den Genuss eines Vorworts des Autors, der erst vier Jahre nach Erscheinen der überarbeiteten Fassung von 2008 verstarb. Hier beschreibt er die Entstehung des Romans in weniger als zehn Tagen, vermutlich ein Grund für diese atemlose Wucht der Erzählung. In der zweiten Übersetzung erklären mir Übersetzer Peter Torberg und Lektorin Kati Hertzsch dagegen im Nachwort, warum sie „Feuermann“ als Übersetzung für „fireman“ wählten.

Sollte ich der Generation meiner Kinder (den Millenials) eine Übersetzung empfehlen, würde ich ihnen zunächst die neue in die Hand drücken. Ob sie dann später in die alte Übersetzung schauen möchten, bliebe ihnen überlassen.


Fahrenheit 451 von Ray Bradbury, übersetzt von Peter Torberg, Diogenes 2020 – 272 Seiten, 24 €
Online-Bestellmöglichkeit bei der Buchhandlung meines Vertrauens

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